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Heart of Gold von Neil Young und Popcorn von Hot Butter, das waren nur zwei von den kleinen Platten, die 1972 im Schwedenheim zu hören waren. Der Plattenspieler stand in einer Flurecke auf dem Fußboden, die Mädchen saßen auf Kissen im Schneidersitz drum herum und hörten dieses tolle Getöse, krächzend, aber irrsinnig schick und sie knabberten Salzstangen, voll zeitgemäß! Es dauerte nicht lange, da kam die Heimleiterin um die Ecke und „das Gejaule“ (unsere schöne Musik) musste sofort abgestellt werden.
Ich hatte ein verbotenes privates Radio im Zimmer“, erzählt die ehemalige Schülerin, „in einer unscheinbaren selbstgebastelten Pappschachtel in Eulenform hatte ich es versteckt. Eine Mitarbeiterin hat das superkleine Ding entdeckt, aber nix gemeldet.“
Im Aufenthaltsraum stand ein Klavier, oft und besonders in der Adventzeit wurde bzw. musste mit der Heimleiterin für die „Weihnachtsfeier“ geübt werden. Das mit dem dazugehörigen Chor hat nicht so geklungen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Die Heimleiterin probierte es trotzdem mit einigen Schülerinnen. Bei der Aufführung waren alle nervös.
„Auch ein Stück für zwei Blockflöten war dabei, eine Flöte gehörte mir, ich spielte auswendig ohne die Noten gelernt zu haben, aber ich schaute natürlich trotzdem mit einem wichtigen Blick ganz genau auf das Notenblatt: „O, du fröhliche“, sah das gut aus! Die Schülerin des Schwedenheims lacht und erzählt aus alten Zeiten, „ist ja schon 40 Jahre her“, sagt sie.
Der spezielle „Schwedenheim-Weihnachtsbasar“ 1972 war ein großer Erfolg. Im „Werkunterricht“ und Handarbeitsunterricht entstanden viele Bastelarbeiten. Häkelarbeiten wie Topflappen in Kannenform und Eierwärmer, auch locker flockige Dreieckstolas aus dünnem Seidengarn fanden großes Interesse, die wunderbar bestickten Weihnachtsdecken, Untersetzer, Garnituren, Tischläufer und Küchentücher, Wandbilder und Kissenbezüge, Schürzen in großer Zahl, die lange Abende mit Kreuzstickerei kosteten, gingen weg wie warme Semmeln.
Kerzenständer haben die Schülerinnen gebaut aus zusammen gerollter Wellpappe, Wellen nach innen, Durchmesser 6, 7 oder 8 cm, mit Gips ausgegossen ca. 10 cm hoch, der über Nacht fest wurde. Nach der Pappentfernung kam der weiße Kerzenständer zum Vorschein, mit dunklen Kerzen drauf sahen diese originellen Stücke sehr cool aus, nein „cool“ gab es damals nicht, schick vielleicht oder toll.
„Feine grazile Mobiles mit fünf oder sieben Flechtfischen aus Ramieband in allen Farben haben wir versucht zu formen. An dünnen Fäden und feinen Drähten wurden sie aufgehängt“.
Unsere einstige Schülerin erzählt. „Ich ging gern in meiner Freizeit oder nach dem Abendessen in den Bastelkeller herunter. Ganz alleine saß ich da und fertigte mit Freude meine Körbe. Selbstgeflochtene Brot- und Obstkörbchen aus Peddigrohr, z. B. für Baguettebrot – extra lang, sollten es sein. Sie waren auch sehr gut gelungen und richtig gerade, denn ich hatte mir einen Trick ausgedacht. Die langen deformierten Gebilde klemmte ich heimlich über Nacht - etwas angefeuchtet - in eine Spannvorrichtung an der Seite der Werkbank. Meine Baguettekörbchen dehnten sich in der Mitte nicht auseinander, sie waren in gleichmäßiger Breite getrocknet“.
Hier unten stand auch ein Brennofen um Emaillearbeiten zu brennen. Kleine Kettenanhänger aus Kupferblech, Broschen, Aschenbecher und kleine Schalen wurden hier gefertigt. Wieder denkt sie an die alte Zeit zurück und erzählt: „Ich ging mit Annegret in den Keller, der Ofen war schon vorgeheizt, sie suchte für mich eine ovale kleine Schale aus. Ich wollte das auch probieren. Mit dem feinen Siebchen sollte ich etwas Spezialpulver auf die Oberfläche des Kupferrohlings streuen. Die Farbe war gräulich bläulich oder so. In der Mitte, sagte sie, müssten noch ein paar Krümel von einer anderen Farbe hingebröselt werden und dann ab in den Ofen. Kurz vor Ende der Brennzeit holte meine Mitschülerin das Schälchen mit einer feuerfesten langen Zange heraus, stellte es auf ein feines Gitter und fing an mit einem Drahtstück ein dekoratives Muster die farbige Masse zu ziehen. Durch die Luke im Ofen beobachtete ich mein Schälchen beim Fertigwerden. Dann setzte Annegret „meine selbstgemachte Schale“ auf das Abkühlgitter. Sie war dunkelblau glänzend und hatte in der Mitte einige gelbe Kratzspuren. Ich verschenkte sie zu Weihnachten an meine Eltern – die haben sich natürlich gefreut.“
In den siebziger Jahren waren auch Fensterbilder aus Kunststoffgranulat modern. Diese wurden bei 240 Grad im Küchenherd hergestellt. Bei übelriechenden Gasen, die vielleicht auch giftig waren, um die sich aber früher niemand weiter scherte, entstanden wirklich schöne Kunstwerke. Nach einigen Schmelzvorgängen musste gelüftet werden, das alte Schmelzgranulat ist heute sicher vom Markt.
Selbermachen wurde im Schwedenheim groß geschrieben, außerdem wurde auf „traditionelle Hausarbeit“ wertgelegt.
Vom Kratzen und Bohnern, Fensterputzen mit Essig und Zeitungspapier, Geschirrspülen von 40 Leuten ohne Spülmaschine und Unkrautzupfen mit Zuschauern gibt ´s in der nächsten Ausgabe Erstaunliches zu berichten
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Autor: Annette Bucken Eingestellt am: 21. November 2011, 10:26 Uhr Eingestellt unter: Aktuell |
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| Abgedruckt in: Stadtjournal Rheine, Ausgabe 10 Alle Artikel aus dieser Ausgabe |
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